
Letzte Woche besuchte ich Moserland, die Boutique und das Büro von H. Moser & Cie. in New York, um mir die größte Moser-Uhrensammlung anzusehen, die ich je in einem Raum gesehen habe – von der berüchtigten Schweizer Käseuhr bis hin zur letztjährigen Passionsfrucht-Kollaboration mit Studio Underd0g. Nur ein Haken: Alle replica Uhren sind aus Pappe.
Wie bitte? Pappe?! Genau. Moser unterscheidet sich bekanntlich von seinen Schweizer Pendants aus der Haute Horlogerie, und dieser Pop-up-Store bildet da keine Ausnahme. Um viele der größten Hits und neuesten Produkte der Marke zu präsentieren, arbeitet die Marke mit dem „Pappkünstler“ LABEG zusammen, der einen ganzen Raum voller Moser-Uhren aus Papier gestaltet hat. Die „Uhren“ sind alle maßstabsgetreu, doch die bewusste Unvollkommenheit der Kreationen sorgt dafür, dass man sie auf keinen Fall mit dem Original verwechseln würde. Bewundern Sie handgezeichnete Tourbillonkäfige und sorgfältig nachgebildete Minutenringe. Dieses Pop-up lief ursprünglich im Januar in der Hongkonger Boutique der Marke und kam ein paar Monate später endlich für ein paar Tage in die USA. Leider sind die Pappuhren, wenn Sie dies hier lesen, höchstwahrscheinlich schon auf dem Weg zu ihrem nächsten Ziel. Wer weiß, wo die nächste sein wird?
Natürlich habe ich übertrieben, als ich andeutete, dass es keine echten Uhren gab. Das Schönste an meinem Aufenthalt dort war, einige der Modelle ihren zweieinhalbdimensionalen Gegenstücken zuzuordnen. Wenn man wie ich das Glück hat, beruflich den ganzen Tag Uhren anzuschauen, war der Anblick dieser skurrilen handgezeichneten und geschnittenen Kreationen eine willkommene Abwechslung an einem Mittwochnachmittag. Können Sie alle Uhren identifizieren? Ich hoffe, Sie haben beim Durchblättern genauso viel Spaß wie ich beim Fotografieren.
Die Zusammenarbeit zwischen H. Moser & Cie. und LABEG basiert auf gemeinsamen Werten: Innovation, das Überschreiten von Grenzen und das Hinterfragen von Branchennormen. LABEG, bekannt für seine unkonventionellen Kunstinstallationen mit gewöhnlichen Materialien, sah in Moser einen Partner, der bereit war, die Avantgarde zu akzeptieren. Gemeinsam konzipierten sie eine Ausstellung, die Karton – ein Symbol für Vergänglichkeit und Wegwerfbarkeit – als Medium nutzt, um Beständigkeit und Luxus neu zu interpretieren.
Diese Synergie steht im Einklang mit Mosers eigener Geschichte ironischer Kampagnen und ironischer Betrachtungen der Luxusbranche, darunter ihre berühmten „Swiss Icons Watch“ und „Nature Watch“. Die Kartonausstellung wurde zu einer neuen Plattform, um diese Ideen mit frischen visuellen Metaphern zu erkunden.
Immersiver Eingang: Die Kartonmanufaktur
Die Ausstellung eröffnet mit einer maßstabsgetreuen Nachbildung der H. Moser & Cie. Manufaktur in Neuhausen am Rheinfall. Besucher gehen durch Kartonkorridore, die mit 3D-gedruckten Maschinennachbildungen aus Wellpappe gesäumt sind. Jedes Detail, von Drehbänken und Pressen bis hin zu Uhrmacherbänken, ist in präzisen Kartonstrukturen nachgebildet.
Dieses Ambiente regt die Besucher unmittelbar dazu an, die Bedeutung von Materialien und Handwerkskunst zu überdenken. Die Karton-„Manufaktur“ vermittelt ein haptisches Gefühl von Mosers realem Atelier und regt gleichzeitig zu philosophischen Überlegungen darüber an, was wahres handwerkliches Können und Wert ausmacht.
Die Kartonuhren: Moser-Ikonen neu interpretiert
Einer der faszinierendsten Bereiche der Ausstellung zeigt Kartonnachbildungen von Mosers berühmtesten Uhren. Die Künstler von LABEG haben Modelle wie den Streamliner Flyback Chronographen, den Endeavour Perpetual Calendar und die Pioneer Centre Seconds in sorgfältiger Handarbeit vollständig aus geschichtetem, geschnittenem und handkoloriertem Karton nachgebildet.
Das Highlight ist die „Karton-Konzeptuhr“, eine Neuinterpretation von Mosers minimalistischer Concept-Kollektion. Das Zifferblatt aus Karton kommt ohne Indizes oder Logos aus und spiegelt damit Mosers Philosophie der Reinheit wider, die die Handwerkskunst für sich sprechen lässt. Trotz ihres schlichten Materials strahlen die Kartonuhren Eleganz und Präzision aus und spiegeln die obsessive Liebe zum Detail wider, die in der hohen Uhrmacherkunst erforderlich ist.
Mechanische Wunderwerke: Kinetische Kartoninstallationen
LABEG schuf außerdem mehrere kinetische Installationen, die mechanische Prinzipien demonstrieren. Eines dieser Werke, „The Escapement“, verwendet Zahnräder, Hebel und eine voll funktionsfähige Kartonunruh, um den Herzschlag einer Uhr zu imitieren. Besucher können den Mechanismus manuell aufziehen und hören das charakteristische Tick-Tack durch die Papierstruktur widerhallen.
Ein weiteres kinetisches Wunderwerk ist die „Perpetual Calendar Machine“, die Mosers berühmte Komplikation des ewigen Kalenders simuliert. Datumsscheiben aus Karton drehen sich synchron und erklären visuell, wie der Mechanismus Schaltjahre berücksichtigt – alles aus Karton.
Nachhaltigkeit und Materialreflexion
Ein zentrales Thema der Ausstellung ist Nachhaltigkeit – eine natürliche Ergänzung zum Material Karton. Im gesamten Raum veranschaulichen Schautafeln die komplexe Beziehung der Uhrenindustrie zu Materialverbrauch, Ressourcengewinnung und Umweltverantwortung.
Moser nutzt die Ausstellung, um seine Bemühungen um ethische Beschaffung, die Verwendung von recyceltem Gold und ein langfristiges Produktlebenszyklus-Denken hervorzuheben. Karton hat dabei eine doppelte Bedeutung: Er ist recycelbar, aber auch vergänglich und zwingt die Betrachter dazu, darüber nachzudenken, was „dauerhafter Wert“ im Luxuskontext wirklich bedeutet.
Humor und Ironie: Die „Swiss Made“-Ecke
In typischer Moser-Manier macht sich die „Swiss Made“-Ecke über die manchmal willkürlichen Regeln rund um die Bezeichnung „Swiss Made“ lustig. Hier umgeben Schweizer Flaggen, Berge und Kühe aus Karton Kartonuhren mit dem auffälligen Aufdruck „100 % Swiss (Cardboard) Made“. Es ist eine freche Anspielung auf Mosers anhaltende Kritik an den Marketingpraktiken der Uhrenindustrie.
Der Bereich zeigt außerdem eine Pappkuh mit mechanischem Herzen, die humorvoll andeutet, dass auch Schweizer Nutztiere zum Erbe der Uhrmacherei beitragen.
Interaktiver Workshop: Bau deine eigene Moser
Besucher sind eingeladen, an einem praxisorientierten Workshop teilzunehmen und ihre eigene Moser-Uhr aus Pappe zusammenzubauen. Vorgestanzte Schablonen der Streamliner- und Endeavour-Gehäuse sowie winzige Zahnräder und Zeiger aus Pappe ermöglichen es den Gästen, die akribische Arbeit der Uhrenmontage spielerisch zu erleben.
Dieser Bereich schlägt eine Brücke zwischen Betrachter und Schöpfer, vermittelt eine neue Wertschätzung für die Uhrmacherkunst und unterstreicht gleichzeitig das Thema der über die Materialien hinausgehenden Handwerkskunst.
Das große Finale: Kartonkosmos-Installation
Die Ausstellung endet mit dem „Kartonkosmos“ – einer massiven, schwebenden Installation, in der Planeten, Sterne und Umlaufringe aus Karton den Lauf der Zeit im kosmischen Maßstab darstellen. Die Installation zeigt Mosers Uhrensilhouetten, die eine Kartonsonne umkreisen und symbolisieren den Versuch der Menschheit, die Zeit mit dem riesigen, gleichgültigen Universum zu vergleichen.
Besucher verlassen die Ausstellung mit einer demütigenden Erinnerung an die Unermesslichkeit der Zeit und die Vergänglichkeit materieller Besitztümer, während sie gleichzeitig den menschlichen Einfallsreichtum bewundern, der aus etwas so Einfachem wie Karton Schönheit schafft.
Rezeption und Wirkung
Seit ihrer Eröffnung hat die Kartonausstellung H. Moser & Cie. x LABEG sowohl von Kunstkritikern als auch von Uhrenliebhabern viel Lob erhalten. Sie hinterfragt vorgefasste Meinungen über Luxus, Materialien und Werte und bietet eine erfrischende Perspektive auf eine Branche, die oft von Edelmetallen und Edelsteinen besessen ist.
Sammler und Uhrmacher lobten gleichermaßen die Fähigkeit der Ausstellung, einen Dialog über Nachhaltigkeit und Handwerkskunst anzustoßen. Für Moser untermauert die Ausstellung ihren Ruf als eine der mutigsten und intellektuell provokantesten Marken der zeitgenössischen Uhrmacherkunst.
Die H. Moser & Cie. x LABEG Cardboard Exhibit ist mehr als eine Kunstinstallation – sie ist eine philosophische Auseinandersetzung mit Uhrmacherei, Luxus und Wert. Durch die Verwandlung von vergänglichem Karton in filigrane uhrmacherische Meisterwerke regt die Ausstellung die Betrachter dazu an, zu hinterfragen, was Handwerkskunst und Wert wirklich ausmacht.
In einer Welt, in der Luxus oft mit Seltenheit und Kosten gleichgesetzt wird, stellt diese Ausstellung diese Vorstellung auf den Kopf. Sie beweist, dass Kreativität, Humor und Nachdenklichkeit selbst den einfachsten Materialien eine tiefe Bedeutung verleihen können, und macht sie zu einem Meilenstein in Kunst und Uhrmacherei.